Realitätscheck Arbeitswelt 2015 – Wunsch vs Wirklichkeit

Kompass Neue Arbeitswelt

Unter diesem Namen führten Xing und Statista im März/April 2015 eine Studie mit etwas mehr als 4.000 TeilnehmerInnen durch. Die Studie untersuchte, wie die deutschen ArbeitnehmerInnen die Gegenwart und Zukunft ihrer Arbeit sehen und was sie sich aktuell wünschen.

Die ArbeitnehmerInnen wurden in 5 Segmente aufgeteilt, um die verschiedenen Anforderungen und Wünsche je Segment darstellen zu können.

Bereits die Benennung, Neudeutsch das Wording, dieser Unterteilung finde ich ein bißchen bedenklich, weil unterschieden wird in

  • Teilzeitkräfte/Projektarbeiter u. Ä.
  • Wissensarbeiter
  • Gehaltsoptimierer
  • Soziale Berufe
  • Blue Collar
Studie Kompass Neue Arbeitswelt - Segmentierung durch Xing und Statista 2015

Studie Kompass Neue Arbeitswelt – Segmentierung durch Xing und Statista 2015 – Quelle Xing

Wieso werden einzelne Branchen (Soziale Berufe), bzw. Berufsbilder (Blue Collar = „Blaumannträger“) differenziert von Wissensarbeitern (hier Akademiker) oder Gehaltsoptimierern (jüngere Männer) betrachtet? Gibt es dem zufolge jene in den genannten Bereichen nicht? Kann man Lehre und Gesundheit wirklich über einen Kamm scheren, gehört die Produktion nicht per se zur Blue Collar und was ist eine durchschnittliche Lebenssituation? Besonders ungeschickt finde ich, dass bei der Frage nach dem Sicherheitsaspekt die Blue Collar „übersetzt“ wird mit Anweisungssuchenden.

Wertschätzung geht aus meiner Sicht anders.

Dass für die Erstellung von aussagekräftigen statistischen Ergebnissen eine Unterteilung notwendig und sinnvoll ist, ist unstrittig – leider wird durch die Wahl der Überschriften eine Haltung deutlich, die ich überdenkenswert halte.

Aber gut, nehmen wir die Unterteilung hin und schauen, in Auszügen, zu welchen Ergebnissen die Befragung führte.

Selbstbestimmung versus Sicherheit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015

Selbstbestimmung versus Sicherheit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015

Selbstbestimmung versus Sicherheit

Interessant finde ich hier bereits die Verknüpfung der Punkte Sicherheit „gegen“ Selbstbestimmung in einer Frage (siehe Grafik oben).

Aus meiner Sicht ist es nicht verwunderlich, dass die Wissensarbeiter tendentiell mehr nach Selbstbestimmung streben, da die Studie hier Menschen mit Akademischer Ausbildung und dem höchste Gehalt vereint.

Diese haben tendentiell bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und somit eine bessere Sicherheitsbasis – das Bedürfnis nach Sicherheit ist also per se bereits erfüllt (sollten sie ihren Job verlieren oder mit Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sein, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit einen neuen Arbeitgeber finden). So können sie sich in der Prioritätenwahl den Wunsch nach Selbstbestimmung eher „leisten“.

Man sollte aus dieser Aussage aber nicht den Rückschluss ziehen, dass alle anderen ArbeitnehmerInnen deshalb nicht selbstbestimmt arbeiten wollen!

Weniger als 40% der befragten ArbeitnehmerInnen können von Ihrem Gehalt eine Familie allein ernähren!

Angemessenheit des Gehaltes - Kompass Neue Arbeitswelt - Quelle Xing

Angemessenheit des Gehaltes – Kompass Neue Arbeitswelt 2015 – Quelle Xing

Wenn dies tatsächlich so zutrifft, wird die große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und natürlich Unternehmen, Eltern sein mit Berufstätigkeit zu vereinen, sehr deutlich.

Schön ist, dass bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Trend in die richtige Richtung festzustellen ist, auch wenn die Studie dies eher negativ darstellt („jeder dritte Arbeitgeber unterstützt Vereinbarkeit nicht“):

Bereits 40% der Unternehmen zeigen sehr großes bis großes

Entgegenkommen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

weitere 30% werden relativ neutral bewertet.

Sicherlich gibt es hier noch Optimierungsbedarf, aber, nicht zuletzt unterstützt durch den in vielen Bereichen bereits zu spürenden Fachkräftemangel, sind sich die Unternehmen hier ihrer Verantwortung bewußt und öffnen sich, insbesondere durch die Gestaltung individueller Lösungen, immer mehr auch diesem Thema.

Wenn bereits 70% der Unternehmen tragfähige Lösungen für die Vereinbarkeit anbieten, kann man hier adaptieren und weiterentwickeln. Vielleicht kommen wir z.B. dahin, dass sich mehr Unternehmen und auch Kommunen zusammenschließen, um gemeinsam Lösungen für Ihre MitarbeiterInnen zu finden.

Entgegenkommen Vereinbarkeit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015 - Quelle Xing

Entgegenkommen Vereinbarkeit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015 – Quelle Xing

Weitere Bausteine zur Vereinbarkeit könnten die

Flexibilisierung und Verringerung der wöchentlichen Arbeitszeit sein

– bereits heute schon möchten mehr als  70% der Befragten weniger als 40 Stunden/Woche arbeiten – davon sind 55% den „Normalarbeitern“ zuzurechnen :

Verringerung der Arbeitszeit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015 - Quelle Xing

Verringerung der Arbeitszeit Studie Kompass Neue Arbeitswelt 2015 – Quelle Xing

Freiraum Arbeitszeitgestaltung Kompass Neue Arbeitswelt 2015 - Quelle Xing

Freiraum Arbeitszeitgestaltung Kompass Neue Arbeitswelt 2015 – Quelle Xing

28% der Befragten geben an, bereits heute ihre tägliche Arbeitszeit frei gestalten zu können – 54% möchten dies gerne tun.

Die Verringerung der wöchentlichen Arbeitszeit sowie die Flexibilität der Arbeitszeitgestaltung könnten einen Beitrag dazu leisten, nicht nur Beruf und Familie sondern auch Beruf und weitere Interessen zu vereinbaren. Dies können längere Auszeiten (Sabbaticals), Zeiten für Weiterbildungen, Hobbies, Freunde, soziales Engagement und mehr sein.

Dieser Trend zur Verschiebung der Wertigkeit von Lebenszeit wird auch von einer  Studie  zum Thema Recruiting Trends und Bewerbungspraxis 2014 des CHRIS-Teams (Centre ob Human Resources Information Systems)  der Uni Bamberg, das 1000 Groß- sowie 1000 Mittelstands-Unternehmen sowie ca. 7000 Bewerber befragte, gestützt, die ich bereits in meinem Blogbeitrag 10 Recruiting Trends vorgestellt habe.

In dieser Studie wird auch auf die Aspekte Werte, Sinnstiftung und Diversität  eingegangen, die auch in die Studie von Xing und Statista eingeflossen sind.

Hier einige weitere Kernaussagen:

„Die Hälfte der Arbeitnehmer wünscht sich eine stärkere Beteiligung der Beschäftigten an Entscheidungen.“

„Die Kommunikation zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern funktioniert bei 55% (sehr) gut.“

„Eine gute Arbeitsatmosphäre ist genauso wichtig wie das Gehalt“

„Bei mehr als jedem zweiten Unternehmer in Deutschland ist Zusammenarbeit jenseits der Hierarchiewege nicht gegeben“

Weiterbildungsanforderungen und Flexibilität sind die am stärksten erwarteten zukünftigen Veränderungen der Arbeitswelt!

Die Zentralen Studienergebnisse werden so verdichtet:

Übersicht Ergebnisse Studie Kompass Neue Arbeitswelt - Quelle Xing

Übersicht Ergebnisse Studie Kompass Neue Arbeitswelt – Quelle Xing

Es wurden noch viele weitere Details erfragt und in der Studie dargelegt, die Sie hier nachlesen können.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wunsch und Wirklichkeit in den meisten abgefragten Bereichen noch weit auseinander liegen.

Arbeitgeber müssen sich der Aufgabe stellen, sich mehr an den Wünschen ihrer ArbeitnehmerInnen zu orientieren, wenn sie als attraktiver Arbeitgeber auch in der Zukunft punkten wollen.

Zentrale Handlungsfelder sind in meinen Augen Wertschätzung, Nachhaltiges Handeln und Transparenz. Nachhaltiges Handeln bedeutet u.a. auch, dass Gehälter so gestaltet sein müssen, dass Familien davon leben können. Hier sind kreative Lösungen gefragt und insbesondere auch die Steuerpolitik.

Der eigentlich am schnellsten und kostengünstigsten umzusetzende Lösungsansatz:

Haben Sie Vertrauen in Ihre MitarbeiterInnen, gehen Sie wertschätzend mit ihnen um, trauen Sie ihnen etwas zu und geben Sie Raum zur aktiven Mitgestaltung. Dann werden Sie gemeinsam die Zukunft MitarbeiterInnen-orientiert und erfolgreich gestalten.

Gute Inspiration liefert zum Beispiel auch der Film Augenhöhe – vielen Dank „trebien & partner consulting“ für die tolle Idee!

Zitat zu Augenhöhe: “

…für eine NEUE Arbeitswelt

Selbstbestimmung, Partizipation, Potentialentfaltung – die Trends der neuen Arbeitswelt werden schon länger unter Experten und Interessierten diskutiert.

Alles Theorie oder Traum? Nein, AUGENHÖHE zeigt Unternehmen, in denen viele dieser Trends bereits gelebt werden – und die Menschen, die diese Organisationen gestalten.
Nicht zum Nachmachen, sondern als Inspiration für alle, die in ihrem Umfeld Impulse für eine andere Arbeitswelt setzen möchten.“

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